Pfarr- und Wallfahrtskirche - Pfarrei und Wallfahrtsort Maria Oberdorf

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Die Pfarr- und Wallfahrtskirche von Maria Oberdorf  (SO)



Das heutige Erscheinungsbild
Wer heute den schmucken Ort Oberdorf oberhalb von Solothurn besucht, erahnt trotz aller Überbauung des Geländes rund um die Kirche welch dominanten Platz sie einnimmt und wie sie früher mit ihren weissen Mauern und dem hohen Turm alles überragte. Noch heute besticht diese Erscheinung den Besucher, der von Oberrüttenen durch das Fallernhölzli über die Moräne (Rüttenenstrasse)  nach Oberdorf  gelangt. Die Kirche, die in einem ummauerten Bezirk von Friedhof, St. Michaelskappelle und Pfarrhaus liegt und gezeichnet ist von ihren hohen steil abfallenden Dächern, macht von aussen einen etwas schlichten, verwinkelten Eindruck, der sich aber wohltuend vereinheitlicht sobald man in das mit feierlichen Stuckaturen ausgeschmückte Innere der Kirche gelangt. Abgesehen vom mittelalterlichen Turm mit seinen  spätgotischen Bogenöffnungen im Erdgeschoss, der aber 1764 um ein Geschoss erhöht wurde, und mit einer welschen Kugelhaube, mit Laterne und Zwiebel  versehen wurde (wohl nach Plänen von G.M. Pisoni), präsentiert sich das Oberdörfer Heiligtum in seinem festlichen aber nicht überladenen barocken Gewand.

 


Die Kirche
Ausgrabungen deuten darauf hin, dass bereits im 8. Jahrhundert an Stelle der heutigen Gnadenkappelle eine kleine Saalkirche bestand und gemäss den Statuten des St. Ursenstiftes von 1327 übernahm der Stiftspropst von Solothurn bereits seit 740 die Seelsorge in Oberdorf. Als 1375 die Pfarrkirche Lommiswil von den Guglern zerstört wurde, wird die Kapelle Oberdorf wohl die Funktion der Leutkirche für die Umgebung übernommen haben. Jedenfalls ist  für 1420 ein stark vergrösserter, der Jungfrau Maria geweihter Neubau bezeugt. Die älteste erhaltene Glocke, die heute im offenen Unterbau des Kirchenturms zu besichtigen ist, datiert aus dem Jahr 1423 und ist ebenfalls Maria geweiht. In gotischen Buchstaben gegossen, findet man die Inschrift: "in lob un er der iungelichen muoter maget marien" (Zu Lob und Ehren der jungfräulichen Mutter und Magd Maria).


Das Gnadenbild

Das heutige Gnadenbild, eine sitzende Muttergottes mit Kind, dürfte auf diese Zeit des Kirchenneubaus zurückgehen. Ihre Herkunft ist geheimnisumwittert, so lässt sich ein Werk von einem zeitgenössischen regionalen Künstler ebenso vermuten, wie die Überlegung vertretbar ist, dass es sich um ein aus der von den Guglern zerstörten Kirche Lommiswil gerettetes Bildnis handle.  


Der barocke Baustil

Die Kirche, wie sie heute dasteht, wurde im Jahr 1604 vom lombardischen Baumeiser Antonio Gallo erbaut nach den Prinzipien der äusserlich schlicht auftretenden lombardischen Baukunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Das Grundkonzept war einfach: Erbaut wurde eine grosse Saalkirche mit einem geräumigen Chor im Süden und zwei kleinen Seitenkapellen links und rechts vor dem Chorbogen, dazu noch eine Sakristei. Die vorher bestehende alte Kirche, deren Chor im Osten lag, wurde dabei in den Neubau integriert, wobei der 1609 neu errichtete ehemalige Chor von nun an zur Gnadenkapelle wurde. Da das Gelände östlich der alten Kirche direkt steil zum Wildbach abfällt, kam eine Vergrösserung der Kirche nur in südlicher Richtung in Frage. Ursprünglich war die Kirche von Gallo auch nur mit einer flachen Decke ausgestattet. Wer in der vordern Seitenkapelle rechts vom Chorbogen steht, mag erahnen, wie ungefähr die Ausstattung dieser ersten Bauetappe ausgesehen hat. Erst das Wirken der Gebrüder Schmutzer, der Genies des süddeutschen Wessobrunner Barocks, brachte 1676 die entscheidende Veränderung in der Ausstattung des Inneren.


Die Stuckaturen

Was Michael Schmutzer mit seiner Equipe in Oberdorf  vollbracht hat, gehört, zum schönsten Hochbarock der Schweiz: Oberdorf ist nämlich das einzige vollständig erhaltene Wessobrunner Ensemble in der Schweiz. Das Verdienst der Wessobrunner besteht vornehmlich in der Wölbung des Kirchenraumes und in der festlichen Dekoration des Innern mit Stuckaturen. Charakteristisch für die Stuckaturen der Oberdörfer Kirche (und damit auch des Wessobrunner Stiles) sind folgende Elemente:  Alle Stuckaturen sind weiss und unterstützen die räumliche Wirkung und Harmonie des Kircheninneren. Die Längswände des Kirchenschiffes sind gegliedert durch Doppel-Pilaster, die von Akanthuskapitellen überragt werden und ein an der klassischen Antike orientiertes Gebälk mit Fries tragen. Das Tonnengewölbe wird von doppelten Gurten unterteilt. Zwischen den Gurten  bereits im Gewölbe über dem stilisierten Gebälk schmücken halbrunde gefächerte Muscheln  den Raum. Diese werden von Ranken und Fruchtgirlanden samt einem stilisierten Baldachin weitergeführt in Richtung  Gewölbescheitel, wo blau unterlegte Medaillons mit goldenen Monogrammen den Höhepunkt bilden.

 


Künstlerisches Konzept in Gnadenkapelle und Chor
Sowohl die Gnadenkapelle wie auch der Chor der Kirche sind noch reicher ausgeschmückt und sind so vom künstlerischen Konzept her schon als die beiden vornehmsten Orte des Gotteshauses gekennzeichnet: Der Ort des Gnadenbildes unserer Lieben Frau von Oberdorf und der Ort an dem die Eucharistie gefeiert wird. Die Fächergewölbe sowohl des Chores wie auch der heutigen Marienkapelle sind daher überreich geschmückt mit üppigen Blattgirlanden, Fruchtgehängen und geflügelten Engelsköpfchen. Im Chor der Kirche öffnet sich in der Mitte des Gewölbes ein überraschender Lichtschacht, eine dreistöckig durch reichen Stuck gegliederte Laterne, durch sie fällt je nach Tageszeit noch zusätzlich Licht in die Kirche. Trotzdem ist deren Lichtfunktion beschränkt und eher als barocke Freude am Spiel mit Licht und Architektur zu verstehen. Durch Unkenntnis und Geringschätzung waren die Stuckaturen immer wieder gefährdet, das letzt Mal 1874, als Pfarrer Wirz den damaligen Kirchenrat nur mit Mühe davon abhalten konnte den "unnützen Zierrath" herunterzuschlagen.


Die Ausstattung:

Neben den genannten Stuckaturen haben die Wessobrunner auch in den beiden Seitenaltären und der prächtigen Kanzel ihre Spuren zurückgelassen. Der rechte Seitenaltar bezaubert neben seinem Aufbau durch sein hervorragendes Altarbild, das die Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten darstellt. Stifter dieses Altares sind die Familien Besenval und Aregger. Der linke Seitenaltar von 1679 erinnert an das Söldnerwesen der alten Eidgenossen und damit auch der vornehmen Solothurner Patrizierfamilien, die vornehmlich in den Diensten des französischen Königs standen. Daher versteht sich auch die Präsenz des Heiligen Soldaten und Märtyrers Urs, der zusammen mit dem knienden Stifter und Söldnerführer Jost Greder von Wartenfels auf dem Altarblatt erscheint. Der danebenstehende Altar in der Seitenkapelle weist das Stifterwappen der Familie Byss auf. Das eindrückliche dunkle und trotzdem in fast expressionistischen Farben (grünlicher Leib des Gekreuzigten, rotgeweintes Gesicht der Magdalena) gehaltene Bild der Beweinung Christi am Kreuz stammt von Solothurner Maler Karl Studer von 1704. Davor steht auf der Mensa das Original der "Madonna von Balm", die während der Reformationszeit hierher gerettet worden sein soll. Der heutige Hauptaltar im Chor der Kirche ist modern, besitzt aber ein altes, zu den Stiftungen der Kirche gehörendes kostbares geschnitztes Antependium, mit Blattranken, einem Medaillon mit Blumenkorb und dem Stifterwappen. Statt eines Retabels prangt an der Chorabschlusswand ein grosses Himmelfahrtsbild von François Stella von 1604. Unter Pfarrer Franz Lüthi kam der prachtvoll geschnitzte Rokkokotisch in den Chor, der heute als Volksaltar dient.   


Altar der Gnadenkapelle

Der Altar in der Gnadenkapelle wurde wahrscheinlich 1676 als Hauptaltar mit der Muttergottes im Chor der Kirche konzipiert, dies ist aber eine Vermutung. Da die Muttergottesstatue aber so viel zu weit entfernt von den Pilgern war, wurde sie zusammen mit dem Altar wieder an ihren alten Standort in die Gnadenkapelle zurückversetzt. Der Gnadenaltar ist charakterisiert durch seine mystisch schimmernden Wolkenkränze, die das Gnadenbild umgeben und das barocke Flair für Transzendenz, Aufhebung der Grenzen zwischen Himmlischem und Irdischem geradezu heraufbeschwören. Viele Menschen sind auch heute von dieser lichtdurchfluteten Inszenierung in Bann gezogen. Das natürliche Tageslicht, das vom Fenster hinter dem Alter durchscheint, ergänzt sich dabei harmonisch mit der Beleuchtung des Gnadenbildes. Das Wallfahrtsbild selber steht dazu in einem Kontrast: Eher etwas kühl zurückhaltend, aber dennoch nicht kalt oder unpassend,  bringt die sitzende Madonna mit Kind einen anderen Akzent in die überschwängliche barocke Wolkenpracht. Die gotische Zurückhaltung der Lieben Frau von Oberdorf verhindert, dass trotz allem Überschwang nie der Eindruck von Überladenheit oder Kitsch aufkommt. Das nüchterne, geerdete aber dennoch sehr liebenswürdige Gnadenbild in seinem Umfeld lässt bei den Betrachtern eher einen inneren Frieden und eine innere Ruhe zurück.


Gemälde

Von den weiteren Kostbarkeiten sind unter anderem erwähnenswert: Die beiden Gemälde an den Seitenwänden im Chor der Kirche: Ein Halbportrait der Madonna und die Begegnung an der goldenen Pforte, die mit einem üppigen Stuckrahmen umgeben sind. Der goldene barocke Tabernakel auf dem linken Seitenaltar ist im Gefolge der grossen Kirchenrenovierung (1955-1957) unter Pfarrer Lüthi angeschafft worden. In der rechten Seitenkapelle befindet sich an der Rückwand das eindrückliche Bild der 1646 gegründeten Rosenkanzbruderschaft mit den Geheimnissen des Rosenkranzgebetes angeordnet in Form eines Rosenbaumes. Die barocke Büste auf dem rechten Seitenaltar stellt den Hl. Josef mit dem Jesuskind dar. Die beiden Beichtstühle sind klassizistisch gehalten und ganz ähnlich jenen der St. Ursenkathedrale in Solothurn. An der Kanzel sollte man nicht vorübergehen ohne das entzückende Bild der Muttergottes mit Pfirsich zu betrachten. Es ist nicht signiert, aber eine feine Arbeit aus dem 17. Jh..      

 
 
 




 


Restauriertes Oberdörfer Kreuz
In einem feierlichen Gottesdienst,  wurde am 8. November 2009 das restaurierte Oberdörfer Kreuz auf der linken Seitenwand neben der Seitentür wieder eingesegnet. Dieses Kreuz hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Nach einer langen Wanderung kam das Kreuz zurück an seinen alten Ort. Das Kreuz wurde in der Kulturkampfzeit des 19. Jahrhunderts 1864/1865 durch den Oberdörfer Kirchengemeinderat an den Kunstverein der Stadt Solothurn veräussert.  Wie Domherr J. Mösch in seiner Schrift "Unsere Liebe Frau von Oberdorf" 1942 bekannt gemacht hat, wurde das Kreuz wohl zusammen mit den alten Kabinettscheiben (die heute im Rathaus Solothurn zu bewundern sind) und dem gotischen Schwurarm mit dem Oswaldreliquiar (das heute im Landesmuseum zu bestaunen ist) verkauft, um damit die damals  anstehende Kirchenrenovation zu finanzieren.
In der 1902 veröffentlichten "Denkschrift. Zur Eröffnung von Museum und Saalbau der Stadt Solothurn" berichtet F.A. Zetter-Collin, dass in der gleichen Zeit (1864/1865) der damalige Pfarrer J. Wirz ein interessantes Gemälde "der zwölfjährige Christus im Tempel" aus der frühitalienischen Schule auf "Leinwand und damasciertem Goldgrund" dem gleichen Kunstverein verschenkte. Im selben Jahr verschenkte zudem die Kirchgemeinde Oberdorf dem Kunstverein ein weiteres Bild, das sich in der Kirche von Oberdorf am Weihnachtsaltar befand, nämlich ein  "altdeutsches Bild aus dem 16. Jahrhundert, Tod des reichen Mannes".    



Erkenntnisse entnommen aus der Schrift von Domherr Mösch
Wie Domherr Mösch in seiner obengenannten Schrift weiter ausführt - er war von 1901 bis 1929 in Oberdorf Pfarrer und kannte deswegen die damaligen Verhältnisse sehr gut und war auch Zeitzeuge der Nachwehen des Kulturkampfes -  hing das Kreuz zunächst im solothurnischen Kunstmuseum (wohl in der Eingangshalle). Von dort verschwand es später (wohl in den 1960er oder 1970er Jahren), also zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt in ein Depositum der kantonalen Denkmalpflege (siehe Bild).
Dank ihrer Umsicht kann das geschnitzte Kruzifix wieder an seinem alten Ort bewundert werden. Je nach Schätzung ist das Kreuz etwa 400 oder 500 Jahre alt: Die Denkmalpflege legt die Entstehung des Kreuzes heute in die Hände eines Schweizer Künstlers des 17. Jahrhunderts, während F.A. Zetter-Collin die Entstehungszeit in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts legt.   

Ein grosser Dank gilt hier der Denkmalpflege, allen bei der Restauration Beteiligten und allen, die mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind. Ein Dank sei auch dem Kirchenrat ausgesprochen, der mit Verständnis die Rückführung ermöglicht und begleitet hat.

Wie F.A. Zetter-Collin in der bereits genannten "Denkschrift" ausführt, handelt es sich seiner Meinung nach beim Corpus des Kreuzes wahrscheinlich um eine "Nürnberger Arbeit" aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Kruzifix war früher in der alten St. Ursenkirche zu bewundern und wurde wohl beim Neubau der heutigen Pisoni-Kirche entfernt und von der Kirchgemeinde Oberdorf gekauft. Jedenfalls handelt es sich beim Corpus um eine feine Schnitzarbeit in Lindenholz. Bei der jüngsten Restauration wurde leider keine Signatur gefunden. Das Kreuz selber besteht aus massiven Eichenbalken, ev. aus dem 19. Jh.. Vielleicht steht der Erwerb des Kreuzes, wohl gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang damit, dass sich die Oberdörfer an ein historisches Ereignis erinnerten: Bei der Altarweihe vom 31. Januar 1615 wurde nämlich zur Rechten des Muttergottesaltares in der Gnadenkapelle ein Heiligkreuz-Altar konsekriert. Bei der Ausschmückung der Kirche durch die Gebrüder Schmutzer wurde dieser 1676 wieder entfernt.




Die heutige Orgel
Die heutige Orgel wurde bei der genannten Kirchenrenovierung 1956 ganz erneuert. Das zuvor auf einer überdimensionalen Empore stehende Instrument über dem Eingang der Kirche wurde dabei zusammen mit der Empore von 1892 entfernt. Der hübsche Prospekt der heutigen Orgel stammt ursprünglich aus der Kirche Erlach. Die aktuelle  Lösung mit der Balustrade betont den Kirchenraum der Vorgängerkirche und schafft zugleich einen guten Austausch zwischen Wallfahrtskirchenraum und dem Raum der Gnadenkapelle. In der Ecke zur Gnadenkapelle befindet sich der ovale Taufstein aus Solothurner Stein  aus dem 19. Jh. in einem historisierenden Louis-Seize-Stil.
Im Chorbogen der Gnadenkapelle finden sich auf blauem Grund (blau ist die marianische Farbe), die fünfzehn Glaubensgeheimnisse aus dem Leben Christi, die beim Beten des Rosenkranzes betrachtet werden. An den Wänden der Gnadenkapelle finden sich drei grössere Gemälde: Auf der Nordseite ein Fürbittbild von Hauptmann Brunner (1680) und eine Darstellung von Anna Selbdritt; auf der Südseite: Die Darstellung des sterbenden Ritters Wallier von 1608, der durch eine wunderbare Vorsehung die Sterbesakramente erhält (Stifterwappen: Wallier und Stäffis). Ebenso an den beiden Seitenwänden finden sich die Abschriften des päpstlichen Privilegiumsdekretes durch Klemens VIII von 1595 (Ablässe), auf Deutsch und Lateinisch. Der Blick auf zwei Prozessionskreuze und eine sorgfältig restaurierte  Prozessionsfahne mit einem doppelseitigen Bild von Maria und Joseph aus dem 19. Jh. kann den kunsthistorischen Rundgang durch die Pfarr- und Wallfahrtskirche Oberdorf beschliessen.


Pfr. Dr. Agnell Rickenmann

 
 
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