'Unsere liebe Frau von Oberdorf' - Pfarrei und Wallfahrtsort Maria Oberdorf

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Wallfahrt
 


Überblick / Geschichte 'Unserer lieben Frau von Oberdorf'



Eine kurze Geschichte des Solothurner Marienwallfahrtsortes Oberdorf : Von den Anfängen bis heute




Am Südfuss des Jura gelegen, zu Füssen des Weissensteins, ein Spazierweg von Solothurn entfernt, liegt der kleine Marienwallfahrtsort Oberdorf malerisch auf einer von Sedimentablagerungen des Rhonegletschers gebildeten Aussichtsterrasse, die den Blick des Betrachters weit über das Mittelland schweifen lässt.


Wenn auch die Ursprünge der Wallfahrt im Dunklen liegen, so ist die Geschichte der Kirche Oberdorf doch verwunderlich alt: Ausgrabungen deuten darauf hin, dass bereits im 8. Jahrhundert an Stelle der heutigen Gnadenkappelle eine kleine Saalkirche bestand und gemäss den Statuten des St. Ursenstiftes von 1327 übernahm der Stiftspropst von Solothurn bereits seit 740 die Seelsorge in Oberdorf. Als 1375 die Pfarrkirche Lommiswil von den Guglern zerstört wurde, wird die Kapelle Oberdorf wohl die Funktion der Leutkirche für die Umgebung übernommen haben. Jedenfalls ist  für 1420 ein stark vergrösserter, der Jungfrau Maria geweihter Neubau bezeugt. Die älteste erhaltene Glocke, die heute im offenen Unterbau des Kirchenturms zu besichtigen ist,  datiert aus dem Jahr 1423 und ist ebenfalls Maria geweiht. In gotischen Buchstaben gegossen, findet man die Inschrift: "in lob un er der iungelichen muoter maget marien" (Zu Lob und Ehren der jungfräulichen Mutter und Magd Maria). Daraus und aus noch anderen Gründen darf man  schliessen, dass die Wallfahrt wohl ins 14. Jahrhundert zurückreicht.


Das heutige Gnadenbild, eine sitzende Muttergottes mit Kind, dürfte auf diese Zeit des Kirchenneubaus zurückgehen. Ihre Herkunft ist geheimnisumwittert, so lässt sich ein Werk von einem zeitgenössischen regionalen Künstler ebenso vermuten, wie die Überlegung vertretbar ist, dass es sich um ein aus der von den Guglern zerstörten Kirche Lommiswil gerettetes Bildnis handle. Durch die Erlässe des Konzils von Basel (1431-1437) zur Marienverehrung erhielt die Wallfahrt wieder neue Impulse. 1447 besuchten bekannte Konzilsteilnehmer die Kirche und brachten neues Leben zur Muttergottes von Oberdorf. Erstmals schriftlich bezeugt hingegen ist die regelmässige, jährliche Wallfahrt des Stiftskapitels und der Pfarrei St. Ursen von Solothurn für das Jahr 1457. Dies ist zugleich auch der Grund  für das Jubiläum "550 Jahre Wallfahrt nach Oberdorf", zu welcher sich die Solothurner und Solothurnerinnen auch im Jahr 2007 am 29. Mai unter Leitung ihres Pfarrers und Domherren Paul Rutz aufgemacht haben. Eine schöne Votivkerze in der Gnadenkapelle erinnert auch heute an das Jubiläum.


Während den Wirren der Reformationszeit und in der Zeit unmittelbar danach erlahmte die Wallfahrt nach Oberdorf, obwohl Solothurn am alten Glauben festhielt. Erst nach dem Tridentiner Konzil (1545-1563) sind wieder Schenkungen bezeugt. Den Ruf  das "Einsiedeln" von Solothurn zu sein, erhielt Oberdorf denn auch in dieser Zeit, durch das Privileg, das der Solothurner Ratsherr Hans Jakob von Staal  durch ein Breve von Klemens VIII erreichte und das die Wallfahrt im Nu wieder aufleben liess, dass nämlich all jene, die "wegen Alter, Mangel an Zeit, Armut, körperlicher Schwäche, Kränklichkeit oder anderen Ursachen an einer Wallfahrt nach Einsiedeln gehindert sind, in Oberdorf die nämlichen Gnaden und Ablässe erhalten". Dieser Erlass vom 5. Juli 1595 bescheinigt auch, dass die gewährten Privilegien für "ewige Zeiten" gelten.


So wird verständlich, dass mit dem anwachsenden Pilgerstrom 1604 ein vergrösserter Neubau in Angriff genommen wurde. Baumeister Antonio Gallo aus der Lombardei erhielt den Auftrag dazu und schuf im Grossen und Ganzen die heute sichtbare Kirchenanlage. Die Kirche wurde nach Süden hin erweitert und der ehemalige Chorraum der alten Kirche bildet die heutige Gnadenkapelle. Nicht zu vergessen sind die Wessobrunner Künstler, die Gebrüder Schmutzer, die mit ihren grossartigen Stuckaturen ab 1676 die ganze Kirche ausschmückten und den Innenraum mit seinem Gewölbe in einen barocken Festsaal verwandelten, dessen Zauber auch den heutigen Besuchen noch in seinen Bann zieht. Da diese Ausschmückung als Solche erhalten blieb, besitzt die Pfarr- und Wallfahrtskirche Oberdorf  heute das einzige ganz erhaltene Wessobrunner Ensemble des Hochbarock der Schweiz.
Die Blüte der Wallfahrtszeit nach Oberdorf liegt im 17. und 18. Jahrhundert bis zur französischen Revolution und den Wirren des 19. Jahrhunderts, die der Wallfahrt abträglich waren. Während des Kulturkampfes wurden 1874 beispielsweise die Bittgänge abgeschafft. So schwand das kirchliche Leben mehr und mehr. Erst die beharrliche Arbeit der Oberdörfer Pfarrer und Kapläne zu Beginn des 20 Jahrhunderts und die Restauration der Kirche unter Pfarrer F.Lüthi (1955-1957) brachten dem Wallfahrtsort wieder eine gewisse Bekanntheit und eine regionale Ausstrahlung.


Durch die Abtrennung der Pfarreien Bellach, Langendorf und Lommiswil von ihrer Mutterpfarrei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist Oberdorf als Pfarrei heute mit gegen 700 Katholiken ein sehr kleines und überschaubares Ganzes geworden. Wie sich diese strukturelle Aufschneidung in Zukunft durch den Pastoralen Entwicklungsplan des Bistums Basel in einer Wiederzusammenführung der Orte in einem Pastroralraum auswirkt, wird sich weisen.

Die Bedeutung und die Ausstrahlung dieses kleinen Pilgerortes liegen jedenfalls wohl auch eher in seiner lebendigen Wallfahrtsgeschichte, die auch in der Phase nach dem 2 Vatikanischen Konzil (1962-1965) nie abgebrochen ist. Sensibel haben die Seelsorger das Bedürfnis der Pilger aufgenommen, in der Gnadenkapelle der Lieben Frau Fürbitte für sich selbst und für ihre Lieben einzulegen. So liegt nun schon seit Jahren ein Fürbittbuch bereit, in dem sich zum Teil ergreifende Zeugnisse des Vertrauens zur Gottesmutter  aber auch nachdenklich stimmende Beispiele von religiöser Ignoranz finden, die alle zusammen unsere multikulturelle globalisierte Zeit kennzeichnen.
Immer wieder kommen Menschen mit ihren Sorgen und Nöten nach Oberdorf und sitzen in die Kirche, die übrigens unter Spezialisten der Erdstrahlung auch als einer der starken Kraftorte der Schweiz gilt. Die stille Zurückhaltung des gotischen Gnadenbildes, das in eine barocke Welt von Wolkenkränzen getaucht ist und so in ein mystisches Licht gerückt wird, zieht auch heute viele Menschen fast magisch in ihren Bann. Die Stille und die Mystik des Geschehens des Austausches zwischen Gott und dem Menschen werden hier gerade zu bildlich und physisch fassbar und erinnern an den immer wieder zitierten Ausspruch Karl Rahners: "Entweder ist das Christentum von morgen ein mystisches oder es wird es nicht mehr geben".


Schliesslich gründet die Ausstrahlung einer Wallfahrtskirche auch auf dem Fundament des Gottvertrauens gläubiger Pilger. In ihr wird das Bitt- und Dankgebet so vieler vor Gottes Thron getragen, weil es durch das Vertrauen hier Sprache findet, manchmal weinend, manchmal murmelnd und stammelnd, manchmal freudig jubelnd oder bisweilen auch als schriftlicher Niederschlag im Fürbittbuch. Wie viele Gläubige und Zweifler vor dem Gnadenbild der Muttergottes von Oberdorf Erhörung fanden, weiss Gott allein. Doch sprechen die Besucher und Besucherinnen für sich und sei es, dass sie hier "nur" Trost im Glauben gefunden haben - dies allein wäre bereits ein Zeichen einer lebendigen Präsenz,  Zeichen der Gnade, die wirken kann, wenn gläubiges Vertrauen die Menschen offen macht.

Agnell Rickenmann, Pfarrer v. Oberdorf

 
 
 
 
 


Literatur:

Schweizerischer Kunstführer,  Serie 37, Nr. 361, Pfarr- und Wallfahrtskirche Oberdorf So, Hrsg. Gottlieb Loertscher,  Bern 1984  (für die historischen Angaben  dieses Beitrags diente dieser auch als Grundlage).
I. Lüthold -Minder, Helvetia Mariana, Die Marianischen Gnadenstätten der Schweiz. Unsere Liebe Frau von Oberdorf - dem solothurnerischen Einsiedeln, S. 224-227, Stein am Rhein 1979.

 
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